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Eine Stellungnahme zur bundesweiten SCHE1SSTYP-Kampagne

 

 

Der harte Weg zur Selbstliebe und gesellschaftlichen Akzeptanz

 

Wir alle kennen die besagte, bundesweite Kampagne, die Typ-1-Diabetes in Deutschland bekannter machen soll. Bei dieser guten Idee macht mich die Wortwahl, die derzeit oft an Plakatwänden zu sehen ist, doch eher schmerzempfindlich. Statt unsere gesellschaftliche Akzeptanz zu stärken, befeuert sie bestehende Diskussionen über unsere Leistungsfähigkeiten, während betroffene T1D-Kinder und Jugendliche mit täglichen Zurufen auf Pausenhöfen mehr denn je um ihre Selbstliebe und ihr Selbstbewusstsein kämpfen müssen.

Das Projekt an sich ist natürlich zu begrüßen, denn das Leben mit T1D ist eine lebenslange Herausforderung. Uns Diabetikern wird täglich ein Zusatzpaket an Aufgaben auf den Rücken geschnürt – die trotz aller Verbesserungen bei der Therapie uns alle immer noch Zeit und Kraft kostet. Typ 1 ist nun mal nicht beständig. Es gibt leichte und schwere Tage, unabhängig von der besten Technik am Markt. Das verstehen viele „Gesunde“ einfach nicht.

 

 

Vorbehalte gegenüber Diabetikern

 

Immer noch gibt es Vorbehalte bzgl. der Leistungsfähigkeit von Diabetikern in der Bevölkerung. Die Möglichkeiten der Berufswahl, unsere Fahrtauglichkeit oder Familienplanung werden immer noch an allen Ecken und Enden von Außenstehenden – NICHT-DIABETIKERN – diskutiert. Manchmal fühle ich mich davon bevormundet und verärgert. Ich diskutiere ja auch nicht darüber, ob andere Tauglichkeiten mitbringen oder nicht. Weiß ich, ob mein Gegenüber im Straßenverkehr gestern bei einer Feier zu viel getrunken hat? Vielleicht ist der Mann, den ich im Café treffe seit Jahren Raucher und kann deswegen keine Kinder mehr zeugen? Stelle ich ihn deswegen an den Pranger?

Seitdem ich Diabetikerin bin und meinen Traum vom Fliegen an den Nagel hängen musste (siehe Artikel „Diabetes verleiht Flügel“) kämpfe ich für ein Leben ohne Limits. Die mediale Präsenz des Themas „Diabetes“ wächst. Prominente outen sich zu ihrer Typ-1-Diabetes-Erkrankung, denken wir nur an Theresa May, Laura Karasek oder Matthias Steiner. Trotzdem bleibt die gesellschaftliche Akzeptanz der Erkrankung ein langwieriger Prozess.

Wer außer uns Betroffenen weiß denn schon, was es wirklich bedeutet, mehrfach täglich (und manchmal auch in der Nacht) Insulin zu spritzen und Blutzucker messen zu müssen? In der Schule, im Job, bei Konferenzen – bei Hochzeiten, Schwangerschaften – ja, manchmal sogar beim (One-Night-) SEX…..

Auch ist es schwer zu erfassen, welche Gedanken und Gefühle uns Betroffene in diesen Situationen wirklich bewegen. Wir sind (AUCH) ein aktiver Teil der Leistungsgesellschaft. Wir bewältigen dieselben Anforderungen – nur unter weitaus härteren Bedingungen.

 

Wetten, dass der kreative Kopf hinder der „World-Without-One-Kampagne“ KEIN SCHE1SSTYP ist?

 

Durch eine Werbekampagne mehr positive Aufmerksamkeit für eine Erkrankung zu erzeugen, um die Forschung voranzubringen, ist natürlich eine gute Idee. Doch viele von uns – mir eingeschlossen – wünschen sich eine andere Wortwahl. Hallo? Wo bleibt denn der Respekt? Vor allem aber, WO BLEIBT DIE WEITSICHT???

Wir sprechen schließlich über einen JUVENILEN Diabetes – auch Jugenddiabetes genannt. Viele der Betroffenen sind viel zu jung, um die Terminologie und das Ansinnen negativen Marketings zu begreifen.

Wetten, dass die Kampagne nicht von einem „SCHE1SSTYP“ kreiert wurde? Dabei gibt es doch unter Garantie ausreichend Marketing-Experten unter uns Diabetikern!

Seit über 15 Jahren bin ich nun Typ-1-Diabetikerin. Es gab Zeiten, da habe ich diese Krankheit verteufelt, weil sie mir Zukunftspläne verbaut hat. Heute – im Alter von 37 Jahren – bin ich gefestigt. Ich habe die Krankheit als einen Teil von mir angenommen.

Der gute Zweck dieser Kampagne wurde hier für mein Dafürhalten negativ zum Ausdruck gebracht. Jemand mit Diabetes weiß, wie viel er einem abfordert – Tag und Nacht. Als Typ1er in der heutigen Leistungsgesellschaft zu bestehen und zusätzlich andere Variablen wie Stress so einzugrenzen, dass die Blutzuckerwerte in einem gesunden Maß gehalten werden, ist eine Kunst, die man nur mit Disziplin und Selbstliebe erlernen kann.

 

Selbstzweifel statt Selbstliebe?

 

Wie aber steht es um die Selbstliebe junger Diabetiker, die sich nun mit dem Wort „SCHE1SSTYP“ angesprochen fühlen? Wie erklärt man seinen – vielleicht pubertierenden – Freunden, dass man deshalb noch lange nicht „sche1sse“ ist? Wie vielen Kindern mit Diabetes wird dieses Wort auf dem Pausenhof nun vielleicht hinterhergerufen?

Diese Kampagne sollte die Position von Diabetikern und das Interesse um diese Krankheit allgemein stärken, stattdessen ist sie – meiner Auffassung nach – eine Diskriminierung.

Um anderen Betroffenen den selbstbewussten und positiven Umgang mit dieser Krankheit zu zeigen, veröffentlichte ich kürzlich mein aktuelles Buch (#ichbinzucker –  Das junge Leben mit Typ 1) mit Bewältigungsstrategien für Diabetiker in verschiedensten Lebenssituationen.

 

 

Wenn Ihr also demnächst nochmal auf die derzeitige „SCHE1SSTYP-Kampagne“ von der Seite dumm angesprochen werdet, antwortet einfach:

 

Ich bin nicht SCHE1SSE. #ichbinzucker.

 

Das kann schließlich nicht jeder von sich sagen und SELBSTBEWUSSTSEIN ist das wirkungsvollste Medikament zur Bekämpfung von Vorurteilen.