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Seit April 2015 bin ich selbst Mutter, allerdings eine diabetische Mutter. Was macht das für einen Unterschied, fragen Sie sich vielleicht?

Jede Mutter stellt Ihr Kind im Grunde vor sich und die eigenen Bedürfnisse. Dasselbe tue ich auch, aber es gibt  Momente in denen ich das nicht kann. Wenn der Unterzucker spürbar zuschlägt, dann ist es für mich unabdingbar wichtig erst mich und meinen Körper wieder unter Kontrolle zu bekommen, bevor ich mein Kind hochnehme und es beruhige. Nicht auszudenken wäre es, wenn ich es auf meinen Armen hätte und vor Schwäche loslasse oder gar umkippe und wohlmöglich noch auf das Baby falle. Weit und breit keiner da, der mir und vor allem meinem Baby helfen könnte…. Ein Albtraum!

Können Sie sich vorstellen wie anstrengend und stressig es ist, Ihr Kind aus Leibeskräften schreien zu hören, man aber von Schwindel und Zittrigkeit geplagt, erst einmal wieder die Kontrolle über seinen Körper erlangen muss – wohlwissend, dass mein Kind, mein Baby, mich dringend braucht und (noch) nicht versteht, warum ich es da liegen und warten lasse?

Es sind qualvolle Momente – wahrscheinlich für beide… Doch sind es gleichzeitig die ersten Lernphasen für mein Baby, bei denen es lernt, was es heißt, ein diabetisches Elternteil zu haben.

Mein Baby kennt mittlerweile das Piepen meines Blutzuckermessgeräts. Hat es in den ersten Monaten gezuckt, so schaut es heute mit knapp sieben Monaten interessiert zu. Die Prozedur des Messens und Spritzens ist für mein Kind nicht ekelerregend, sondern eher interessant. Das führt zu der Herausforderung, dass meine Tochter gerne auch mal das piepende Gerät ins Händchen nehmen und am Insulin schnüffeln will, man aber tunlichst vermeiden soll, dass das Kind in die Nähe der Spritzen und der Medikamente kommt!

Wie alle Eltern, so haben auch wir bereits versucht unseren Haushalt „Kindersicher“ zu gestalten… Putz- und Waschmittel weggeräumt, Türen, Steckdosen und Schubladen gesichert… Doch was macht man mit Mamas oder Papas Insulin, was sie ja jederzeit dabei haben müssen und nicht direkt weglegen, verstecken oder abschließen können?

Nun, hierzu habe ich mit meiner Diabetologin, Frau Dr. Hollenrieder gesprochen, die mehr als 25 Jahre Praxiserfahrung hat. Sie empfiehlt selbstverständlich Daheim einen Medizinschrank zu haben, der entweder gesichert oder am besten abschließbar ist.

Zu dem übrigen Insulinzubehör für unterwegs kommt in das – im voran gegangenen Kapitel erwähnte – Zuckertäschchen, was ich immer unterwegs bei mir habe. Dieses ist mit einem Reißverschluss geschlossen. Meine Diabetologin ist der Auffassung, dass das ausreicht. Kleinkinder müssten motorisch erst eine gewisse Reife erlangen müssen, um Reißverschlüsse überhaupt öffnen zu können.

Das Kinder zusätzlich den Insulin-Pen gezielt herausnehmen, diesen aufziehen, ansetzen und abspritzen, hält meine Ärtztin für komplett unwahrscheinlich, weil es zu viele aufeinanderfolgende Schritte erfordere. Ferner haben Kinder eine natürlich Abneigung, wenn nicht sogar Angst, vor Spritzen, die sie bei der ersten Nadelberührung abschrecken würde, erklärte meine Ärtztin in unserem Gespräch.

Das ist ja schon einmal beruhigend. Dennoch gibt es viele Dinge an die sich Kinder von einem diabetischen Elternteil gewöhnen müssen bzw. eine frühe Verantwortung, die sie teilen im Gegensatz zu „unbelasteten“ Kindern.

Meine Tochter wird mit meinen Schwächen aufwachsen müssen. Zu meinen Unterzuckerphasen gehört leider nicht nur zittern und Schweißausbrüche, sondern auch eine niedrige Stressresistenz und damit eine gewisse „Zickigkeit“, bis ich Abhilfe geschaffen habe. Ich bemühe mich inständig dies unter Kontrolle zu haben, doch wenn mein Töchterchen im selben Augenblick einen ähnlichen Gemütszustand wie ich hat und wir beide quasi am „Rumbocken“ sind, dann führt das bereits zu Misverständnissen und Groll auf beiden Seiten.

Tatsächlich lasse ich mein Kind in solchen Momenten für einige Minuten „links liegen“, aber nicht, um sie zu ignorieren wie es letzens eine andere Dame auf dem Spielplatz frech behauptete, sondern um Abhilfe zu schaffen und mich wieder unter Krontrolle zu bringen. Nur dann kann ich voll für mein Kind da sein und ihr all meine Liebe und Unterstützung geben. Das leider verstehen Außenstehende nicht immer – müssen sie auch nicht! Ignorieren Sie die anderen an dieser Stelle bitte bestmöglichst!

Was wird mein Kind aus solchen Momenten mitnehmen?

Ich denke, dass mein Kind letzendlich stressresistenter als andere sein kann, weniger verweichlicht und eventuell auch rücksichtsvoller als andere.

Schließlich lernt sie von Anfang an, dass ein geliebter Mensch einem sehr wichtig ist, aber es auch Situationen gibt, in denen man sich selbst am nächsten sein muss, weil es dann besser für alle ist….= Das ist nichts anderes als Selbstliebe, Selbstachtung, Selbstwert(-schätzung)! Wichtige Säulen in der Psychologie, die viele verlernen, wenn sie nur noch für das Glück anderer existieren und funktionieren.

Meine Tochter wird – sobald sie unsere Sprache beherrscht – verstehen können, dass Mama ab und zu mal plötzlich eine Pause braucht und sich nimmt, um wieder die „beste Mama der Welt“ sein zu können.

Wie erklärt man es seinem Kind, dass man Diabetes hat und was das genau ist?

Zunächst einmal werde ich es versuchen zu vermeiden meiner Tochter zu sagen, dass ich „krank“ bin. Kinder lernen früh, was „krank“ ist und assoziieren es mit Dingen wie Schmerzen, Schonung und vielleicht sogar mit Ansteckungsgefahr. Banal gesagt wissen Kinder, dass „krank sein“ nicht gut ist. Wenn unsere Kinder krank sind, dann tun wir alles dafür, dass sie schnellstmöglich wieder gesund werden. Was sollen sie also denken oder gar fühlen, wenn wir ihnen erklären würden, dass wir für immer krank sind?

Wie falsch das ist und wie schrecklich sich das anfühlt, weiß ich selbst. Mein Vater erkrankte früh an Krebs. Dieser kam und ging…über Jahre. Ich war früh mit der Angst konfrontiert meinen Vater zu verlieren und ich lernte früh Auseinandersetzungen und Konflikte mit meinem Vater zu vermeiden – wir schonten ihn. Doch damit grenzten wir ihn aus und das fühlte sich für niemanden gut an.

Klar, Diabetes ist noch lange kein Krebs. Doch in Kinderaugen / –ohren ist krank = krank.

Das kann dazu führen, dass sich das Kind für das Elternteil verantwortlich fühlt, sich kümmern möchte, sich sorgt und Angst um Mama oder Papa verspürt. In einer Zeit in der Kinder eigentlich unbeschwert sein sollten, frei von Problemen, kann das schwere psychologische Nachwirkungen haben.

Aus diesem Grund wähle ich den Ansatz meinem Kind einen natürlichen Umgang mit meinem Diabetes zu erlernen.

Meine Tochter soll mich zunächst beobachten bei meinem täglichen Umgang mit dem Diabetes. Irgendwann wird sie Fragen stellen und auf diesen Moment möchte ich warten.

Wenn sie fragt, was ich da mache, werde ich ihre Neugierde nutzen und es ihr erklären.

Welche Fragen können da wohl kommen?

Mama, was machst Du da?

    • Ich messe meinen Blutzucker.

Was ist Blutzucker?

    • Das Gerät misst wieviel Zucker ich im Blut habe. Jeder Mensch hat Zucker im Blut. Zucker ist ein Energielieferant. Deine Mama hat einfach ein bißchen mehr Energie als andere, könnte man sagen.

Muss ich mich auch in den Finger stechen?

    • Nein, aber wenn Du willst, dann können wir es mal gemeinsam ausprobieren.

Warum spritzt Du Dich, dass tut doch weh?

    • Mir tut das nicht weh. Dein Körper verwertet das gute Essen ganz alleine. Mama braucht wegen dem Zucker im Blut eine Spritze.

Kann ich auch die Spritze nehmen?

    • Sei froh, dass Du keine Spritze brauchst. Die Spritze ist nur für Mama.

Warum brauchen die anderen Eltern keine Spritze?

    • Weil die wahrscheinlich nicht so viel Zucker im Blut haben wie Deine Mama.

Bist Du krank?

    • Man nennt es Diabetes, Schatz.

Krank sein bedeutet, dass es dir kurzweilig nicht gut geht.

Mir aber geht es super. Willst Du mehr über meinen Diabetes wissen?

Warum zitterst Du, Mama?

    • Jetzt habe ich gerade zu wenig Energie. Ich muss einfach einen Saft trinken oder Traubenzucker essen. Eine Banane funktioniert auch prima und dann bin ich in zehn Minuten wieder fit!

Dann jedoch bleibt noch das Thema „Ohnmacht“ offen und meinem Kind beizubringen, dass es in solchen Fällen versuchen soll mir Saft zu geben und den Notruf anrufen muss.

Ich speichere eine Kurzwahl im Handy zum Notruf und zu meiner Diabetologin. Die wichtigsten Telefonnummern vermerke ich zusätzlich auf einem Zettel und klebe diesen neben das Festnetztelefon. Ersteres wird mein Kind wahrscheinlich in den ersten Lebensjahren bereits bedienen können. Doch um einen Zettel zu lesen, wird es wohl minimum 6 Jahre dauern……

Doch neben diesen Vorbereitungen gilt es natürlich das Kind auf einen solchen Notfall vorzubereiten, ohne Angst zu verbreiten. Ich habe mir überlegt dies spielerisch zu tun. Der DRK bietet solche Kurse für Kinder in verschiedenen Altersgruppen an – allerdings auch erst ab 3 Jahren.

Bis dahin werde ich also warten müssen und meinem Kind im Alltag zu verstehen geben, was Diabetes ist und was Menschen mit Diabetes wie Mama machen und so alles brauchen. Sobald die Möglichkeit aufkeimt, werde ich per Rollenspiel mit meinem Kind alle möglichen Situationen durchspielen. Ich glaube an Wiederholungen. Umso öfter ich das mit meinem Kind spiele, desto vertrauter wird es mit den Abläufen sein und früh verinnerlichen, was zu tun ist – da bin ich mir sicher. Mein Diabetes soll für Iva so leicht und unkompliziert zu erlernen sein wie Fahrrad fahren… Und wer hat nach dem ersten Sturz denn noch Angst sich wieder auf’s Rad zu schwingen…? Niemand, oder?!

In den Rollenspielen werde ich folgende Dialoge immer wieder mit aufnehmen:

1. Wer ruft an?
Das Kind soll lernen am Telefon klar und deutlich seinen Namen sagen lernen.

2. Was ist passiert?
Der Notfall muss beschrieben werden.

3. Wo ist es passiert?
Das Kind soll seine Adresse lernen und auswendig nennen können (Ort, Straße, Hausnummer, Stockwerk usw.).

4. Welcher Art der Erkrankung?
Diabetes Typ 1.

6. Warten auf Rückfragen!
Das Kind soll lernen zu warten, bis die Rettungsleitstelle das Gespräch beendet falls es noch Fragen gibt.

Da heutzutage scheinbar alle Kinder absolut Handy-affin sind und sicher mit der Handhabung, kann man solche Rollenspiele leicht üben und tut den Kindern dabei noch einen Gefallen, weil sie dabei mit dem Handy von Mama oder Papa spielen dürfen.

Das wichtigste Kriterium an diesen Trainings ist, dass das Kind Sicherheit gewinnt, um keine Ängste aufzubauen. Doch wenn Sie merken, dass das Kind sich unwohl fühlt oder es das Rollenspiel ablehnt, dann brechen Sie „das Trainingsspiel“ besser sofort unbemerkt ab, lenken Sie zu einem anderen Thema oder fragen Sie Ihr Kind nach seinen Gefühlen und lassen Sie ein offenes Gespräch zu.

 

Wie geht Ihr mit dem Thema um? Wie steht Ihr dazu? — Ich freue mich, auf Euer Feedback.

 

Eure Vivi